Sehnsuchtsorte im Hier und Heute
Vor acht Jahren lud mich Sylva Stier das erste Mal zu ihrer Ausstellung im eigenen Garten ein. Die Idee der
Ausstellung im eigenen Garten fand ich originell. Und tatsächlich entpuppte sich ihr Garten als ideale
Hintergrundkulisse. Es ist ein wahrer Traumgarten. Er umgrenzt eine jener Villen der späteren Gründerzeit, die
für den Berliner Südwesten so charakteristisch sind und die, nicht erst nachdem die Bonner an die Spree
kamen, höchst begehrt sind. Kurz: Der Garten sieht exakt so aus, wie sich ein balkonloser Großstadtbewohner
seinen Traumgarten eben so vorstellt. Für denjenigen also, der ihn nicht hat, bleibt er ein Ort der Sehnsucht.
Sicherlich, es gab auch schon unberechenbare Berliner Sommer, in denen die Künstlerin die Ausstellung wegen
des strömenden Regens ins eigene Wohnzimmer verlegen musste. In pragmatischer Hinsicht wäre eine Galerie
der geeignetere Ausstellungsort. Aber in idealtypischer Hinsicht ist es zweifellos der Garten. Warum? Zunächst
einmal, weil er schlicht und einfach die Motive liefert. Man nehme zum Beispiel die Melone, die immer wieder als
Motiv vorkommt. Zwei Bilder verdeutlichen dies: Auf dem in Mischtechnik gemalten Kleinformat „Sommer“ ist
eine geviertelte Wassermelone in fast naturalistischer Weise zu sehen. In dem mit „Galia“ betitelten Bild
dagegen hat die Künstlerin eine Melonenhälfte als Stempel benutzt und damit auf das Papier gedruckt. In
beiden Fällen entstanden Bilder, die mit wunderbar einfachen Mitteln die Atmosphäre des Sommers einfangen.
Beides sind, um es auf einen kurzen Begriff zu bringen, Sommerbilder. Der Garten liefert also nicht nur die
Motive. Mit den Motiven gelangt auch seine atmosphärische Stimmung ins Bild. Aber er ist noch in einer
weiteren Hinsicht von Bedeutung: Er ist nur ein einziger von unendlich vielen Orten der Sehnsucht, von denen
die Bilder von Sylva Stier erzählen.
Manche Bilder tragen den Namen von Orten, welche die Künstlerin bereiste. Zum Beispiel „Lhasa“: ein Stück Seidenpapier mit chinesischen Schriftzeichen,
eine fast leere, meditative Bildmitte und eine Dreiecksform in Orange, die an die Tempeldächer der tibetischen Tempelstadt erinnert. Mit solch wenigen
Mitteln ist die charakteristische Atmosphäre des Ortes eingefangen. Ähnlich „Out of Asia“: die minimalistisch gesetzten, rechteckigen Farbfelder und die
Rot- und Papiertöne sind Reminiszensen an Japan. Reiseerinnerungsbilder könnte man wiederum diese Bilder nennen. Denn sie speisen sich aus
Erinnerungen der Künstlerin an die ausgedehnten Reisen, welche sie durch Asien, Mittelamerika und entlang der Mittelmeerküste unternahm. Doch man
könnte sie auch, ähnlich wie die Sommerbilder, als Sehnsuchtsbilder bezeichnen. Alle sind sie lange nach der Reise entstanden. Das intensive Orange von
„Lhasa“ und das kräftige Rot von „Out of Asia“, das sind die Farben der Sehnsucht nach dem fernen Ort.
Dennoch: Sylva Stier ist fest im Hier und Heute verankert. Das Hier und Heute gibt ihrer Arbeit den maßgeblichen Impuls. Ein herumliegender Gegenstand
kann zum Beispiel schon der Ausgangspunkt für ein Bild sein. Die Künstlerin beginnt dann mit einer Zeichnung davon oder druckt damit auf das Bild. Ihre
Arbeiten aus der Zeit, als ihre beiden Töchter im Kindesalter waren, lassen sich schon daran erkennen, daß darauf Spielzeug zu sehen ist. Aber auch
Bügelbrett und Staubsauger als die typischen Attribute einer Hausfrau. Ein Bild dieser Schaffensphase heißt „Mal allein sein“. Malen ist eine
Auseinandersetzung mit dem Hier und Heute.
Ornamentale Muster sind wichtige Elemente ihrer Bilder. Darin wird die Herkunft der Künstlerin vom Textilentwurf deutlich. Dem Ornament misst sie große
Bedeutung bei. In ihm sieht sie ein unerschöpfliches kulturhistorisches Reservoir. Eine Erfahrung, die sie nicht zuletzt auf ihren Reisen durch Asien und
Mittelamerika gemacht hat. In ihren Bildern verarbeitet sie eigene Textilentwürfe, aber auch Ornamente, die anderen Kulturkreisen entstammen. Dabei trifft
der Begriff der Collage nur unzureichend die Methode, mit der sie die ornamentalen Strukturen in ihre Bilder einarbeitet. Denn es handelt sich weniger um
ein bloßes Zusammenfügen, sondern mehr um ein Einweben, so dass am Ende ein vielschichtiges Gewebe entsteht. Nun besteht ja zunächst einmal ein
gewisser Kontrast zwischen den ornamentalen Strukturen und dem malerischen Gestus, der das Bild optisch zusammenhält. Denn das Ornament folgt
zwangsläufig seinen eigenen Gesetzen (nämlich dem des Rapports, das heißt der stetigen Wiederholung des Musters), während die malerische Geste
nach Belieben verfahren kann. Die Verbindung dieser beiden unterschiedlichen Ausdrucksweisen ist die selbstgewählte Aufgabe der Künstlerin, nämlich die
Ausdrucksweise einer Kultur, wie sie sich im Ornament ausspricht, mit der subjektiven Bildsprache zu einer Einheit zu verschmelzen.
Die jüngsten Bilder der Künstlerin sind noch reduzierter als ihre früheren. Sie künden von einer erstaunlichen Freiheit, die ja eine lange Übung voraussetzt.
Die Konzentration auf wenige Farbflächen, auf sparsam gesetzte Ornamente und auf die Farbe bestimmen ihre neuen Bilder. Auffallend dabei ist die
farbliche Reduktion. Jedes Bild konzentriert sich auf zwei bis drei Farben und die daraus abgeleiteten Farbtöne. Hinzu kommt noch ein weiteres: die
größere Dynamik. Die Künstlerin arbeitet neuerdings an mehreren Bildern gleichzeitig. Dies funktioniert dadurch, daß sie auf dem Boden und nicht auf der
Staffelei malt (was sie jedoch schon länger praktiziert). Beim Malen geht sie immer wieder um die ausgelegten Malflächen herum und bemalt diese von
allen Seiten her. Wenn sie später gefragt wird, wie herum das Bild denn gehöre, muss sie amüsiert passen. Eines jedoch kann man raten: als Serie gehängt
entfalten die Bilder erst ihre ganze Dynamik.
Im November 2001 stellte Sylva Stier im Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin-Wilmersdorf aus. Keine leichte Aufgabe. Denn das Gebäude,
eine von innen nach außen entwickelte Raumschöpfung und ein Musterbeispiel der organischen Architektur ähnlich wie die Philharmonie von Hans
Scharoun, ist als Ausstellungsort eher schwierig. Dieser neue Ausstellungsort ist beileibe kein Sehnsuchtsort. Sondern ein ganz reeller Ort, der eine
kraftvolle, ja fast dominante Sprache spricht.
Elke Dorner
© Sylva Stier:.2011
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